Spezialist oder Generalist - Wer wird gebraucht?

Horst Walther[1]

Ein Blick zurück auf die letzten 25 Jahre Informations- (bzw. Daten-) Verarbeitung zeigt es deutlich: Die Art, wie Software entwickelt wird, hat sich gewandelt. Noch stärkere Veränderungen kündigen sich an.

Die aktuellen Haupteinflussfaktoren sind:

Vor diesem Hintergrund fragt es sich, wie lange Spezialisten noch gebraucht werden. In Zeiten des Rotstiftes - oder besser der Professionalisierung der Softwareherstellung - müssen sich die Softwerker besser als bisher "verkaufen'. Sie müssen ihren Wert künftig wirtschaftlich nachvollziehbar in einer Kosten/Nutzen-Relation nachweisen.

Die Zeiten alter Mainframe-Dominanz sind vorüber. Die Informationsverarbeitung ist demokratisiert worden. Und da keine "weiß bekittelten Hohepriester" mehr in klimatisierten Räumen für den Normalbürger unfassbar Geheimnisvolles tun, muss auch dieser früher so exotische Bereich messbar werden. Er muss seine Arbeitsprozesse und deren Ergebnisse in Kennzahlen fassen und über Benchmarking einem Branchenvergleich zugänglich machen.

Ein Blick in andere Disziplinen zeigt, dass die ehedem Spezialisten vorbehaltenen Wissensdomänen Allgemeingut werden können. War beispielsweise in der Frühzeit der Geschichte der Automobilnutzung der Chauffeur eine Spezialkraft, so sind sein Wissen und seine "Kunst" heute Allgemeingut.

Ein anderes Beispiel ist Homebanking, eine Tätigkeit, mit der jedermann eine Banküberweisung vornehmen kann, die zuvor nur von Bankmitarbeitern durchgeführt wurde.

Von dieser Entwicklung bleibt auch der Computer nicht verschont. Einst war die Programmierung von Computern ein Feld der Magie, die nur von wenigen beherrscht wurde. Die Fachkenntnis der Gerätenutzung / -beherrschung stand im Vordergrund. Der Beruf des Programmierers war geboren.

Heute stehen wir in Europa vor einer "Programmiererschwemme". Normale kommerzielle Software lässt man jetzt in Indien fertigen.

Offenbar hat auch Spezialwissen seinen spezifischen Lebenszyklus. Zunächst blicken nur wenige Unerschrockene der Herausforderung einer neuen schwierigen Aufgabe ins Auge, leisten Pionierarbeit für Nachfolgende, die das Wissen in einem geordneten Lernprozess übernehmen können. Und schließlich werden die speziellen Fähigkeiten irgendwann zum Allgemeingut.

Neue Know-how-Schwerpunke.

Was ändert sich damit für die gestandenen Berufe Analytiker, Designer Programmierer und Tester/QS-Mitarbeiter?

Analytiker

Die Anfang der 80er Jahre aufgekommene Erkenntnis, dass es vor jeglicher technischen Abbildung sinnvoll sein kann, den Problemraum nach Daten, Funktionen und Zuständen auszuloten, ist zwar vergleichsweise jung, dennoch hat bereits manch ein Projekt bewiesen, dass man sich auch zu Tode analysieren kann, dass es nicht sinnvoll sein muss, immer wieder alles neu und noch einmal von vorn zu analysieren - als sei noch keine Zeile codiert worden und die Welt noch essentiell und rein wie vor dem Spaghetticode-Sündenfall.

Wichtiger wird die Pflege von Unternehmensmodellen und ihre Zuordnung zu vorhandener Software oder die Einbindung generischer Unternehmensmodelle wie IAA (Insurance Application Architecture) und FAA (Financial Application Architecture).

Gefragt ist die Berücksichtigung der vorhandenen wirklichen Welt: Vielleicht ist der Domain Analyst - Analytiker und Wartungsprogrammierer zugleich - das gewünschte Zwitterwesen. Ein Quäntchen Metric für quantitative Aussagen könnte ruhig auch dabei sein.

Designer

Die provozierende These: Designer hat es bisher eigentlich nicht gegeben - sie wurden immer nur gefordert.

In vielen Unternehmen sitzen entweder junge C-Heißsporne oder alte COBOL- Hasen, die im verzweifelten Kampf ergraut und mit den Jahren weise und änderungsresistent geworden sind. Dies ist die eine Seite.

Auf der anderen Seite: Die Analytiker, jünger und intellektueller zumeist, und damit beschäftigt, redundanzfrei die reine Essenz dieser unvollkommenen Welt zu modellieren.

Dazwischen klafft - vielfach beklagt - die Design-Lücke. Dabei hat der Entwurfs-Architekt eigentlich die anspruchsvollste Aufgabe.

Hier läuft alles zusammen. Die Analyseergebnisse müssen in der Tiefe verstanden werden können. Intensive Erfahrungen in Systemauslegung und Programmierung im kleinen wie im großen müssen vorhanden sein. Die zukünftige Verwendung von Frameworks und Designpatterns erleichtert diese Tätigkeit vorläufig nicht, sie macht sie zunächst nur noch komplexer.

Programmierer

Hier wird es zu großen Veränderungen kommen. Der Zwang zu kostenbewusstem Handeln wird die traditionellen großen Programmiershops nicht mehr zulassen.

Die derzeit noch heile Programmiererwelt wird zweigeteilt - in Komponentenfertiger und Komponentenverwender.

Die einen, die Fertiger - kleine, spezialisierte Teams - erstellen die Komponenten. Die anderen setzen mit Hilfe grafischer Applikationsgestaltungswerkzeuge die vorgefertigten Softwarekomponenten zusammen.

Zwischen beiden aber steht in Zukunft das Wiederverwendungsmanagement - als Wächter und als Verwalter der Unternehmenswerte in Form wiederverwertbarer Komponenten.

Tester / QS-Mitarbeiter

Im Bereich Qualitätsmanagement besteht quer durch die gesamte Disziplin ein erheblicher Nachholbedarf.

Das Arbeiten nach strenger Methodik und unter einem umfassenden Qualitätsbegriff ist noch allzu oft Utopie und - zunächst - teuer.

Möglicherweise kann man sich die erforderlichen Entwurfs- und Überprüfungsarbeiten nur dann leisten, wenn man sich auf die Herstellung jener berühmten 15 % Softwarekomponenten konzentriert, die in sogenannten kommerziellen Softwaresystemen wirklich neu sind.

Auf die restlichen 85% ließe sich problemlos und kostengünstig zurückgreifen, denn sie sind ja so oder so ähnlich schon einmal realisiert worden. Warum sollte man sie nicht wieder verwenden?

Die Meinung, auf den Punkt gebracht:

Ursprüngliches Spezial-Know-how entwickelt sich Schritt für Schritt, gelegentlich auch in großen Sprüngen, zum Allgemeingut. Allerdings erfordern neue Schwerpunkte auch neue Spezialisten.

Die drei neuen Stars:

Eher traditionelle Berufsbilder, wie Programmierer oder Analytiker, wandeln sich oder werden dank besserer Technik seltener gebraucht.

Der Entwurf wird wichtiger. Deshalb sind Designer gefragt. Von ihnen wird professionelle Leistung auf hohem Niveau verlangt.

Es wird in Zukunft weniger Mitarbeiter in der Softwareentwicklung geben. Die allerdings werden besser qualifiziert sein, produktiver und kommunikativer sein - und sie werden weniger technisch denken.

Der Trend geht zum Generalisten, zur Erfahrungsbreite mehr als zur Erfahrungstiefe.

Unterstützt wird der generalistische Softwerker der Zukunft allerdings durch neue Spezialdienstleister - bis auch deren Spezial-Know-how Allgemeingut geworden ist.

[1] erschienen 1995 in Jahresbericht der agens Consulting GmbH unter dem Punkt "Meinungen" auf Seite 10.

Horst Walther, Hamburg