Horst Walther[1]

IT-Outsourcing erfordert Reifeprozess[2]

In Zeiten wie diesen beschleichen manchen IT-ler ungewöhnliche Gedanken. Wenn das Geschäft schwieriger, exponentielles Leistungswachstum bei kaum linearen Kostensteigerungen gefordert wird - sollte man dann nicht lieber der technischen Welt good bye sagen und lieber Rosen züchten, eine Kneipe eröffnen? Oder gar ins Kloster gehen, um dort für immer aller irdischen Probleme enthoben zu sein? Einer meiner Freunde hatte es einst getan und sich als Mönch auf den Berg Athos zurückgezogen - eine Entscheidung für's Leben, die man nur einmal trifft.

"Das macht man nur einmal", behauptete unlängst auch in einer Podiumsdiskussion ein Bank-Vorstand, als die Frage auf Outsourcing kam. Wer das sagt, sollte besser die Finger vom Outsourcing lassen. Denn er ist noch nicht soweit. Seine internen Prozesse sind noch zu wenig reif, das heißt definiert, dokumentiert, gemessen oder gar gesteuert, dass erst mit einem enormen Initialaufwand die Transparenz geschaffen werden kann, die für eine Vergabe-Entscheidung notwendig ist.

Dabei ist zu vermuten, dass gerade dieser Mangel an Transparenz bei gleichzeitig drückenden Kosten einen enormen Leidensdruck erzeugt. So wird einer der größten und am wenigsten verstandenen Kostenblöcke der Unternehmen, die Informatik, verstärkt und argwöhnisch unter die Lupe genommen. Kann uns denn nicht ein anderer unsere Sorgen abnehmen? Einer, der es vielleicht besser kann als wir? "Outsourcing - ja oder nein?" lautet vielerorts wieder einmal die generalisierte Frage, die mit ihrer Verallgemeinerung einen falschen Ansatz verfolgt.

Vielmehr muss es darum gehen, das eigene Wirken zu beziffern. Dabei befällt die meisten IT-ler jedoch auf allen Hierarchiestufen eine eigenartige Scheu. Natürlich ist es nicht leicht, hochkomplexe IT-Zusammenhänge in aussagekräftige Kennzahlen zu fassen. Offensichtlich fehlt es aber auch am Willen dazu. Und - noch bedenklicher: Diese im Geschäftsleben selbstverständliche Quantifizierung wird nicht einmal eingefordert.

Die Krise im IT-Markt scheint hier ein Umdenken zu bewirken. Damit würde eine weitere Prozessreifestufe erklommen und eine wichtige Voraussetzung für jedes Outsourcing geschaffen: Messbarkeit und somit Kostentransparenz. Die Zeiten des Brutal-Outsourings, eines großen, vermeintlichen Befreiungsschlages, sind vorbei. "Optimierung der Fertigungstiefe" könnte die neue, vernünftigere Leitlinie lauten oder auch: "Konzentration auf die Kernkompetenzen", die man naturgemäß nur ungern aus der Hand gibt.

Das muss man - vorerst - auch nicht. Es gibt unterhalb dieser kritischen Schwelle ausreichend Unternehmensfunktionen, für die extern nach kostengünstigen Alternativen gesucht werden darf. Voraussetzung für eine permanent optimierte flexible Sourcing-Situation sind Standards, Prozessreife und immer wieder neu justierte Fertigungstiefe. Vergabe-Entscheidungen in Sachen Outsourcing sollten mit einem der wirtschaftlichen Dynamik angemessenen Zeithorizont getroffen und jährlich überprüft werden.

Einen Haken hat die ganze Überlegung allerdings noch: Es muss dafür ein entsprechend reifer Markt mit gesundem Wettbewerb existieren. Dieses Angebot gibt es für viele Fragestellungen noch nicht. Gerade unsere Zeiten wirtschaftlicher Knappheit sind aber ideal dafür, dass Anbieter und Nachfrager hier gemeinsam einen Markt entwickeln, der beiden Parteien Vorteile bringt: Kosteneinsparungen für den Auftraggeber, Lohn und Brot für den Auftragnehmer. So können beide bei ihren Kernkompetenzen bleiben und müssen nicht neues Know-how in Sachen Rosenzucht, Bierausschank oder gar Ave Maria entwickeln.

[1] Dr. Horst Walther ist Geschäftsführer der SiG Software Integration GmbH in Hamburg

[2] Dieser Beitrag ist in der Ausgabe 4 2003 der Zeitschrift DATACOM erschienen.

Horst Walther, Hamburg