Identity Management, deutsche Sprache und wohin das alles führen soll.

unveröffentlicht

Horst Walther[1]

Wie elektrisiert war ich, als ich meine erste Eisenbahn bekam - aber auch enttäuscht: es sollte doch eigentlich eine elektrische sein. "Warum ist sie nicht elektrisiert?" rief ich empört - und erntete Gelächter. Das heißt doch "elektrifiziert" belehrte mich meine altkluge größere Schwester. Nadelstiche die man nicht vergisst.

Als eine späte Rechtfertigung habe ich es dann empfunden, als mir neulich ein Vertreter des Vereins für Deutsche Sprache e.V. mitgeteilt hatte, dass ich damals in meiner Unwissenheit nicht auch zugleich Unrecht hatte…

Heute aber soll es um ein anderes Thema gehen: Identity Management. Das liegt im Trend und kommt, wie alle modern verpackten alten Hüte, mit neuem Preisschild aus den USA. Und mit ihm die zugehörigen Fachausdrücke rund um Identität und wie man sie elektronisch beglaubigt, so dass sie ein anderer überprüfen kann.

Das klingt einfach. Zu einfach vielleicht für eine moderne Technik, die ja neuerdings auch zunehmend als Technologie bezeichnet wird. Da klingen Anglizismen doch viel spannender. Nehmen wir zum Beispiel "to authenticate", das genau genommen nicht ins Deutsche übersetzt, sondern übertragen wurde - mit zwei Ergebnissen: "authentisieren" oder "authentifizieren". Wie heißt es denn nun? Wer hat beim zweiten Wort das fatale "fi" hineingemogelt?

Und überhaupt - was heißt hier Deutsch? Die Worte leiten sich aus dem Griechischen ab: "authentikos - gültig" oder "authentes - Urheber".

Das Element -fizieren kommt aus dem lateineinischen facere (= machen), ähnlich Glorifizierung, Mumifizierung, Simplifizierung, wobei die Bedeutung von "machen" nicht immer erkennbar ist. Dagegen gehen deutsche Verben mit -isieren auf französische Ausdrücke wie idéaliser, concrétiser, réaliser zurück bzw. wurden analog zu diesen gebildet.

"Authentisieren" bedeutet danach "sich durch Vorlage eines Ausweises als glaubwürdig erweisen" (der Absender authentisiert sich z.B. durch eine elektronische Signatur), "Authentifizieren" aber das "Überprüfen der vorgelegten Ausweise und bescheinigen der Glaubwürdigkeit" (der Empfänger authentifiziert den Absender - oder auch nicht). Somit haben die beiden Wörter durchaus unterschiedliche Bedeutungen.

Vielleicht könnte das eindeutige deutsche Wort "beglaubigen" das "AuthentFIzierungsproblem" elegant umgehen, denn darum geht es ganz einfach in der Mehrzahl der Fälle.

Aber Sprache ist ein Gebäude von Konventionen und jetzt geistern nun einmal diese beiden "Fachwörter" durch die IT-Welt. Die Techniker können oft selbst gar nicht sagen, was sie damit meinen und warum sie genau dieses Wort verwenden und kein anderes. Der Konvention muss offenbar noch ein wenig nachgeholfen werden.

Es ist faszinierend und unheimlich zugleich, wie wir mit der Sprache aus dem Füllhorn des kompletten europäischen Kulturkreises schöpfen können: Hier ein griechischer Wortstamm, da eine germanisierte lateinische Verbform und das Ganze über das Englische von sprachlich unsensiblen "Techies" als vermeintlich unverzichtbarer Fachbegriff eingeschleust. Multikulti total - und das, obwohl "beglaubigen" so eindeutig und verständlich wäre.

Wenn sich ein Ausdruck aber einmal eingebürgert hat, bleibt ohnehin nichts anderes übrig, als ihn zu akzeptieren. Eingedeutscht ist noch allemal besser als "Denglisch". Möglicherweise ist das aber nur ein Kampf auf verlorenem Posten um eine Zwischenposition.

Ist Afrika hier schon einen Schritt voraus? In einem Grundsatzbeitrag in der (englischsprachigen) Financial Times wurde Anfang des Jahres frohlockend die "Tatsache" erörtert, dass Englisch ohnehin die gängige Business- und Zweitsprache auf diesem Planeten wird. Vielleicht geht es uns dann wie vielen Angehörigen afrikanischer Stämme, die sich natürlich untereinander in ihrer Muttersprache unterhalten. Wollen sie aber technische oder geschäftlich Sachverhalte ausdrücken, verwenden sie - je nach Kolonialvergangenheit - Englisch, Französisch oder eine andere verbreitete Sprache.

Wie geringfügig mutet dagegen das Beispiel mit den elektrischen Eisenbahnen an: "elektrisieren" der "elektrifizieren"? Heute bedeutet das erste Wort "einen Schlag bekommen" und das zweite "mit elektrischer Energie versorgen". Interessanterweise wurden um 1900 Eisenbahnen "elekrisiert", während sie schon ab 1910 nur noch "elektrifiziert" wurden.

Eine späte Genugtuung immerhin.

[1] Herr Dr. Horst Walther, Geschäftsführer SiG Software Integration GmbH/ab

Horst Walther, Hamburg